KUNST/MITTE Notes

Das Web-Magazin für Kunst und Kultur in Mitteldeutschland.

Kriegen wir die Kurve?

25.04.2020, Matthias Moseke
© moseke 2020

Liebe Kolleginnen, Kollegen und alle anderen kunstinteressierten Mitmenschen,
kriegen wir die Kurve?
Kunstveranstaltungen aller Art finden bis auf Weiteres nicht oder nur sehr eingeschränkt statt, Stipendien können nicht angetreten, Kurse und Workshops nicht abgehalten werden und die Möglichkeiten der Selbstvermarktung wie Ateliereinladungen, Sammlerbesuche usw. sind durch Kontaktbeschränkungen – und Ängste – auf längere Zeit blockiert.

Wie begegnen Kunstschaffende der „neuartigen“ Krise? 

Künstler/innen können ja bekanntermaßen mit engen finanziellen Spielräumen umgehen, sie gehören quasi zum Berufsbild, aber der Lockdown ist für die meisten kaum zu verkraften. Was in Berlin vorbildlich funktioniert und Etlichen tatsächlich eine Atempause verschafft hat, scheitert in vielen anderen Bundesländern bislang. Vollmundig angekündigte, unbürokratischen Soforthilfen entschleunigen sich in langwierigen Antragsverfahren oder werden in die Grundsicherung verlagert.

Und wie geht es nun künstlerisch weiter?

Ein riesiges Zeitfenster tut sich da unerwartet auf und wir können uns endlich mal voll und ganz den kreativen Prozessen im Atelier widmen. Nur noch schnell das mentale Gleichgewicht wieder herstellen, den wirtschaftlichen Crash abwenden und los geht’s. Aber kann ich das angefangene Bild, die geplante Serie, mein bis dato aktuelles Thema überhaupt zu Ende bringen, weiterentwickeln, umformulieren?

Was macht diese Krise, deren Dimension unsere Abstraktionsfähigkeit übersteigt, mit mir, mit uns? Will ich wirklich die drei Großformate für die Messe XY noch fertigmachen und warten, dass es weitergeht, oder steht weit mehr in Frage als die nächste Vernissage? Viele Gedanken, Gefühle, Sorgen und Ängste, die ich erst einmal sortieren muss, bevor Kopf und Bauch die Farbe wieder auf den Weg zur Leinwand schicken können.

Die ganze Welt wackelt, diesem Beben kann sich keine/r wirklich entziehen. Die Politik stochert im Nebel, Fachleute aller Couleur stoßen an die Grenzen ihrer Expertise, wir fahren auf Sicht und sehen die Hand vor Augen nicht. Niemand kann in dieser komplexen Situation mit Sicherheit sagen, was richtig oder falsch ist. Nahezu täglich muss jede/r Einschätzungen, Bewertungen, Entscheidungen überdenken oder korrigieren, ein Superdilemma für alle, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Was kann, was muss ich, wohl oder übel, akzeptieren und wann wird Widerstand zur Pflicht? Wie sehr greift die staatlich proklamierte „Neue Normalität“ (Wikipedia) in meine (auch künstlerische) Freiheit ein? Eine andauernde Challenge martialischer Katastrophenrhetorik ist dabei wenig geeignet, Vertrauen zu schaffen. Das Eis unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung wird spürbar dünner und ich frage mich, was sich in diesem Kontext wann wie weiter verändert oder normalisiert und wer wann was als „normal“ definieren wird.

Für mich persönlich ist Kunst schaffen normal. Und der Mensch, mit dem ich auf die Straße darf.

© moseke “Kurve” 1997 (100 x 80 cm, Öl auf Leinwand)

Bleibt gesund!

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