KUNST/MITTE Notes

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Gratwanderung

13.03.2020, Matthias Moseke
© moseke “Friktion”, Öl/Lwd 180 x 180 cm [Detail]

Kritisch, emotional, laut oder dezent, zuweilen intelligent, zu oft plakativ und möglichst radikal bringt sich die Kunst in Stellung zu den schwerwiegenden Themen unserer Zeit: Krieg, Vertreibung, Verteilung, Umweltzerstörung und allem, was an Schrecklichem daraus resultiert. Applaus!
Auf der documenta 14 in Kassel 2017, einem wichtigen Barometer zur zeitgenössischen Kunst, waren frontal politische Themen omnipräsent. Wie auch dort gigantische Installationen medienwirksam verabreicht und konsumiert wurden, schaffen es immer wieder besonders spektakuläre Kunstaktionen in die Schlagzeilen. Und mit ihnen ihre Urheber. Ai Weiwei / Konzerthaus Berlin 2016, Fred George, Andrew Wakeford / A Wall of Life Jackets and their Stories, Saarbrücken 2016, Andreas Mayer-Brennenstuhl / Bibliothek der Akademie für Transformations-Kompetenz, Buga Heilbronn 2019, Ulrich A. Fay / Rettungsgasse, Mainz 2019,  usw., um nur einige zu nennen, die ins gleiche Horn stoßen.

Wie viele Rettungswesten-Zitate vertragen wir eigentlich, bevor die Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit dieser Symbolik den Bach runtergeht? Wurde hier einfach nicht sorgfältig recherchiert oder schlichtweg kopiert? Was mache ich, wenn mir bei einer Gratwanderung jemand entgegen kommt?

Bemerkenswert ist (nicht nur) in diesem Kontext die Installation Safe Connection II der Berliner Künstlerin Gisela Genthner, die bereits im Jahr 2009 an der Brücke über die Wisła/Weichsel im Projekt „transForm“ der Stadt Warschau/Polen, das angesprochene Sujet überzeugend umgesetzt hat.

Wie entsteht bei den Kunstschaffenden ihre Betroffenheit? Selten, wage ich zu behaupten, aus unmittelbaren persönlichen Erfahrungen. Was wissen wir wirklich über die Themen, denen wir uns künstlerisch nähern? Kaum überprüfbare Sekundärinformationen auf allen medialen Kanälen zu allen möglichen Themen sind ein sehr problematisches Instrument in dem berechtigten Bedürfnis, eine Haltung zu entwickeln, Stellung zu nehmen, Position zu beziehen. An dieser Stelle ist Sensibilität, Einfühlungsvermögen und Respekt gegenüber tatsächlich Betroffenen geboten.

Natürlich verhält Kunst sich in unerschöpflicher Kreativität zu den gewaltigen Problemen und Ungerechtigkeiten dieser Welt, stellt Fragen und sollte Lösungen zumindest für möglich halten.

Ist der Kunst, wenn sie Kunst ist, eine Antwort nicht schon immanent?

„…das menschlichste auf der Welt ist Kunst… Künstler zu sein ist für mich politisch, Skulpturen zu machen ist eine radikale politische Haltung…“, sagte der Bildhauer Tony Cragg 2019 in einem Interview und spricht mir aus der Künstlerseele.

Für mich ist Authentizität – sowohl in meinen eigenen künstlerischen Prozessen als auch in der Wahrnehmung von Kunst allenthalben – ein maßgebliches Kriterium. Meine persönliche Erfahrungswelt zu Krieg, Flucht und Vertreibung beruht auf jahrzehntelanger Beschäftigung mit Sekundärinformationen zu diesem Themenbereich, aber vor allem auf den intensiven Berichten und Erzählungen meiner Mutter, die in den 1940er-Jahren als junges Mädchen erlebt hat, was wir uns heute nur schwer vorstellen können.
Ich habe sie gemalt.
Meine Mutter.

© moseke “Bobbo”, Öl/Lwd, 74 x 83,5 cm, 2018

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