KUNST/MITTE Notes

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Schlüsselthema Werkverzeichnis

09.11.2018, Jana M. Noritsch

20 Jahre hat das renommierte Schweizer Institut SIK-ISEA für die Forschung und die Erstellung des umfassenden Verzeichnisses zu Ferdinand Hodler aufgewendet! In Museen ist ja selten Zeit zum Forschen.


Foto: Kevin Laminto

Königsdisziplin wird geraunt, wenn jemand Werkverzeichnis sagt. Überall finden wir Lücken in der Herkunftsgeschichte eines Œuvre oder in der Biografie eines Kunstwerkes—sei es verursacht durch die Künstlerinnen, Erben, Sammlerinnen, seitens der Händlerinnen, Galeristinnen oder Museen. Sicher spielen Kriege, Kolonialisierung und Enteignung eine wesentliche Rolle, aber eben auch solch (hoffentlich bald aussterbende) tagesaktuelle Praxis, dass Galerien selbst ihren Stammkünstlern nicht die Käufernamen ihrer Werke offenbaren: private collection heißt es dann im Katalog. Zunehmend strömen Kunstwerke auf den Markt; aber auch heute erstellen die wenigsten Kunstschaffenden ein Verzeichnis.

So schaffen wir—aus gutem Grund—relativ neue Berufsfelder, denn Fakt ist, dass die Erstellung eines Werkverzeichnisses ein umfangreicher Prozess ist, der eigentlich nie ganz abgeschlossen sein kann. Immer wieder finden sich neue Erkenntnisse, Schriftstücke oder veranlassen unterschiedliche Aussagen in Katalogen erneute Recherchen zu einem künstlerischen Nachlass. Automatisch wird nämlich zugleich die Vita eines jeden Menschen relevant, der einmal im Besitz des Kunstwerks war.

Erstaunlicherweise wird erst jetzt Provenienzforschung langsam ins kunsthistorische Studium integriert. Das ist sicher dem Fall Gurlitt zu verdanken oder neuerdings auch lauter werdenden Enteignungen in der DDR. Vor allem aber ist es Ergebnis der 20-jährigen Arbeit der AG Provenienzforschung, Verbänden wie dem BKN und der Arbeitsstelle für Provenienzforschung, die 2015 in die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg übergeführt wurde.


Foto: Ioana Cristiana

Die Kunstgeschichte sowie der Zweitmarkt (Auktionen), aber auch Privatsammlerinnen und Galeristinnen entwickeln aus den Daten und Belegen eine gewisse Prominenz des Kunstwerks oder des gesamten Werkkonvoluts und somit einen gesicherteren Wert. Was steht in einem Werkverzeichnis? Es ist die Indexierung aller nachweislich existenten Werke und den Daten zu einzelnen Kunstwerken: Vom derzeitigen Standort und allen Besitzerwechseln (Provenienzen), über Maße und Entstehungsjahr, bis hin zu Wachsdublierungen, neuen Aufspannungen, Firnis, Restauration, ja sogar für Fälschungen könnten Verzeichnisse angelegt werden. Ernsthaft berechtigten Verdacht zu Fälschungen nimmt übrigens das LKA entgegen!

Wichtige Indikatoren beherbergen auch die Rahmungen: Entweder hat ein Künstler seine Arbeiten immer in einem bestimmten Stil rahmen lassen oder wir bekommen einen Rahmen und wissen ihn heute direkt einer Sammlung zuzuordnen. Angaben zur Maltechnik, bspw. Öl auf Leinwand, werden selten hinterfragt: Ab wann ist denn nicht mehr von Öl, sondern von ölhaltigem Malmittel auf dem Gewebebildträger zu sprechen? Kunsttechnologische Untersuchungen können selten privat finanziert werden. Hier sollten Bearbeiterinnen aber zumindest ihre Zweifel kennzeichnen und nicht stumpf Infos aus alten Büchern übernehmen. Zu verwechseln ist ein Werkverzeichnis allerdings nicht mit einem rechtskräftigen Gutachten. Und das Wichtigste: Wir sollten beginnen, die Grundlagenforschung mit den neuen medialen Möglichkeiten zu verknüpfen und Verzeichnisse künftig digital-dynamisch, einheitlich standardisiert publizieren. Dies durfte ich auf der Gründungsveranstaltung des Arbeitskreises Werkverzeichnis am 3. November 2018 in der Hamburger Kunsthalle erfahren, wo sich bedeutende Institutionen sowie zahlreiche Einzelkämpferinnen zusammenschlossen. Denn es gibt bemerkenswerte Privatinitiativen von Kunstsammlern und Erben, die Provenienzgeschichte recherchieren lassen.

Das prägnanteste Merkmal der Arbeit an einem Werkverzeichnis ist Vertrauen: Vertrauen seitens der Urheberschaftsgemeinschaft als Auftraggeberinnen, Vertrauen von Galeristinnen, Auktionshäusern und Museen sowie den wissenschaftlichen Kolleginnen.

Um diese Arbeit sichtbarer zu machen und Sammlerinnen wie zeitgenössischen Künstlerinnen Hilfestellung zu geben, wenn sie sich für ein eigenes Verzeichnis interessieren, hat die Kunstgesellschaft Berlin ein Forum geschaffen.

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