KUNST/MITTE Notes

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Zwischen Abstoßung und Anziehung

09.04.2020, Annette Behr

Peer Gynt

A-ha. Ein Tatendrang-Drama wird an der Schaubühne gegeben. Sturm und Drang haben den Schauspieler Lars Eidinger und den Kunst-Performer John Bock zusammengeweht. Letzterer ist für das üppig bunte Bühnenbild und Eidingers irre Kostüme verantwortlich. Dieser gibt Peer Gynt konsequent als alleinige Hauptrolle. „Ich bin der einzige auf der Bühne“, sagt Eidinger wenige Tage vor der Premiere in einem Interview.
Und: „alleine spielen ist der absolute Trip. Kann auch ein Horrortrip sein.“

Auch für den Zuschauer?
Zunächst mutet vieles erst einmal gemütlich an. Ein riesiger bunter Stoff-Iglu steht im Mittelpunkt der Bühne. Patchwork, Stoffe, bunt, schrill, kuschelig. Eine Höhle wie in einem Kinderzimmer. Mit einem riesigen Rohr, oder ist es ein Rüssel? Ein Stoff-Elefant. Ja, könnte sein. Wie einer, den man auf Rollen hinter sich herziehen kann. Nur in sehr groß. Der von Bock besitzt überall Stofffragmente. Würste, oder sind es kleine Schwänze, Fortsätze aus denen noch etwas wachsen wird …
Drum herum altes und neueres Zeugs. Gerümpel, Trödel, Labor-Utensilien, eine Kugel in der Flüssigkeit blubbert, ein Rollator usw. Klimbim zum Experimentieren und Probieren. Oben rechts in der Saal-Ecke eine weiße Leinwand. Auf dieser ist zu sehen, wie sich Eidinger, grell weiß sein Gesicht und blutrot die Lippen, schminkt. Dabei verzieht er sein Gesicht zur irren Joker-Fratze. Er bleckt die Zähne mit goldenen Grills und spricht „Der Theaterkommunist“ von Bertolt Brecht.

Schauspieler Lars Eidinger “Peer Gynt”, Schaubühne © Schaubühne/Benjakon

Nach kurzer Dunkelheit schreitet Lars Eidinger, mit einem Geweih aus Alufolie auf dem Kopf, freiem Oberkörper, Unterhose und Strapsen über die Bühne. Fast nebensächlich trägt er Henrik Ibsen vor. Der Schauspieler performt mit allerhand Gedöns, dass John Bock an und um ihn herum kreiert hat. Ausgeflippt, surreal, klamottig, liebevoll und provozierend. Ein Märchenreich für exzentrische Ausflüge. Geschaffen für Peer Gynt und Lars Langstrumpf.

Eidinger erinnert in Fragmenten an die anarchische aber gegen ihn unschuldige Pippi Langstrumpf. Eine Adaption der Villa Kunterbunt ins Jahr 2020 zu Laaarsens moderner Neuinterpretation? Passt zu Ibsens Ansatz, der sein Stück von 1867 als „wild und formlos“ beschrieb. Es entstand während dessen Reise durch Italien. Mit viel Abstand zur Heimat, dem Hang zu nordischen Mythen, Trollen und Dämonen. Lars Eidinger gibt die modern flippig-überdrehte Variante des Bauernsohns auf seiner Suche nach Abgrenzung und Anerkennung von der Mutter. Nach Liebe und nach dem großen Glück. Zwischen Kind und Erwachsenem. Den Weg suchend, aber nicht findend. „Das Äußere ist das Innere und das Innere ist das Äußere“, sagt er. Und der Theologe Eugen Drewermann interpretiert psychoanalytisch via Video-Einspieler: „…und in diesem Wechselspiel entsteht ein Weg, ein Traumpfad, sich selbst zu begreifen. Begleitet von Gedanken, die bis zum Äußersten gehen. In einer Kaskade von Träumen, die die Seele bezwingen und denen das Ich der eigenen Person wie ausgeliefert, wie willenlos gegenübersteht.“ Eidinger lässt den kleinen und großen Jungen verschmelzen. Wild und wechselhaft in seinen Gefühlsausbrüchen. Dabei ist er provozierend, skandalös, absurd, ekelig und bisweilen abstoßend. Wenn er Mengen von Essen in sich hineinstopft, merkwürdige Shakes und Cola trinkt, um danach zu rülpsen und zu würgen. Eine Kamerafrau filmt ihn dabei. Manchmal bis in den Magen hinein.

“Peer Gynt”, Schaubühne © Schaubühne/Benjakon

Gleichzeitig komisch und tragisch wirkt er, wenn er mittels Green-Screen-Videowand drollig versucht, in einem Lesben-Porno mitzumachen. Wie in einem Traum vermischen sich Realität und Fiktion. Eidinger spricht schön verträumte Ibsen-Verse. Stülpt sich mal blonde, dann schwarze Perücken über. Seine Dauerverkleidungen fordern die Zuschauer. Was soll das, fragen diese sich und finden wahrscheinlich erst einmal keine Antwort. Viele Fans freuen sich, wenn Eidinger ironisch über sich referiert: „Lars wird nordisch Laaaaarsch ausgesprochen.“ Und, dass seinen Eltern nach seinem Bruder Jens nur noch Lars eingefallen sei. „Ein Name wie ein Gähnen. Laaaars.“ Passt zur skandinavisch-nordischen Langsamkeit, dem Hang zum Düsteren und zur sexy Coolness?

Der Star, eher Popper als Punk, liebt die norwegische Band A-ha. Mit dieser Musik ist er aufgewachsen, hat sich immer gewünscht die Songs zu singen. Ein Jugendtraum der Realität wird. Etwas schräg interpretiert der schlaksige Lars „Take on Me“ und “Hunting High and Low“, spielt dazu das Keyboard auf einem Bügelbrett. Dann wieder wickelt er dramatös seinen Kopf in Aluminiumfolie ein, wie um zu verschwinden? Beiläufig fummelt er sich die Nasenlöcher und Augenschlitze kunstvoll frei. Formt sich einen Aluhelm mit kleinen Hörnchen auf dem Kopf. Aus der Bastelakrobatik wird ein Wikinger-Helm für Peer Gynt und seinen Interpreten.

Schauspieler Lars Eidinger “Peer Gynt”, Schaubühne © Schaubühne/Benjakon

Und ja, dieser ist selbstverständlich auch wieder nackt zu besichtigen. Bemalt sich dazu noch mit froschgrüner Farbe. Lars-Liebhaber dürfen sich freuen. Mit Peer Gynt bekommen sie die volle Packung mittels des Bockschen Kunst-Katalysators. Alles soll symbolisch sein und fordert den Zuschauer auf, sich selbst zu erkennen. Aber, weiß das auch der Zuschauer? Will sich dieser selbst erkennen oder lässt das Stück ihn ratlos, verstörend wirr zurück? Alles Absicht.

Vorsicht beim Konsum ist geboten, denn, wie sagt Bock selbst über seine Arbeiten: „Ich komme mit meiner kindlichen Art durch die Tür, habe aber hinter meinem Rücken eine Riesenaxt.“

Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin
Spielplan und Zeiten unter: www.schaubuehne.de
Kartentelefon: 030 890 023

Peer Gynt Schaubühne Annette Behr
Schaubühne (Außenansicht) © Annette Behr

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