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Zerkratzte Gemälde: Aufruf zur Meldung geschändeter Kunstwerke

28.02.2020, Jana M. Noritsch
Gemäldefund stark beschädigter Offiziersporträts aus dem früheren Potsdamer Garnisonmuseum © Potsdam Museum

Nachdem die Sowjetarmee die Gebiete der SBZ und späteren DDR besetzt und auch geplündert hatte, leitete die sowjetische Militäradministration (SMAD) in der SBZ eine umfassende Bodenreform ein. Mehr als 7.000 Großgrundbesitzer wurden ohne jegliche Entschädigung enteignet. Mit der Begründung der Entnazifizierung, einer Ent-Bourgeoisierung und in der Hoffnung auf Verbesserung der Versorgungslage durch Bewirtschaftung wurden große agrarische Güter zerschlagen und kleine Bauernschaften neu geschaffen. In einem zweiten Schritt dann wurden die Ländereien wiederum zu LPGs (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften) zusammengeführt, da viele Neubauern (Flüchtlinger, ehemalige Knechte) keine Kenntnisse, keine Maschinen sowie keine Zugtiere hatten, die Höfe zu klein waren, und die neuen Bauern ihre Selbstständigkeit wieder verloren. Der Verstaatlichung – Überführung in „Volkseigentum“ – ging einher, das sozialistische Gesellschaftsmodell umzusetzen.

Hierbei wurden auch Gemälde, die eine bourgeoise Lebenshaltung darstellten beschlagnahmt. Brutal herausgeschnitten aus den traditionellen Goldrahmen wurden Ahnenbilder aus Privatbesitz entwendet, die Motive zerkratzt und stapelweise eingelagert („Zwischenlagerung“ übrig gebliebener beweglicher Gegenstände v.a. im Moritzburgmuseum Halle etc.).

Dies ist ein Gesuch, Kunstwerke, die seit 1945 entwendet wurden und in Ministerien der DDR, bspw. dem für ‘Volksbildung’ und seinen Nachfolgern oder Nebenstellen, gelagert wurden, zu finden. Einige wurden nach 1990 ihren Besitzern bzw. Erben zurückgegeben.
Dazu sind Zeitzeugen von hoher Bedeutung, denen Enteignung widerfahren ist und die bereit wären, ihre Erinnerungen zu teilen. Es geht um die Biografien von Kunstwerken (Provenienzforschung privat) und auf Wunsch um öffentliche Sichtbarkeit dieses Abschnitts der Geschichte. Für jeglichen Hinweis sind wir dankbar und begegnen jeder Kontaktaufnahme [provenienz @ kunstgesellschaft.berlin] mit vertrauensvoller Diskretion. 

Ein Beispiel ist der Gemäldefund in Potsdam:
„Damit die historisch bedingte und politisch motivierte Zerstörung von unliebsamen Kunstwerken in der frühen DDR dokumentiert und als Zeitzeugnis sichtbar bleiben kann“, wurden neun der in Potsdam 2018 gefundenen 15 Bilder nicht wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt. „Der Förderverein des Potsdam-Museums hat in einem Potsdamer Privathaushalt 15 stark beschädigte Offiziersporträts entdeckt, die aus dem früheren Potsdamer Garnisonmuseum stammen und bisher als komplett zerstört bzw. als verschollen galten.“ So die Pressemitteilung zur im Februar 2019 gezeigten Ausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne. Geschichten aus Potsdam und Babelsberg 1914-1945“

Archivbild des früheren Potsdamer Garnisonmuseum © Potsdam Museum

Und: „Weitere sechs Gemälde werden an den früheren Besitzer, den Semper talis Bund, in dessen militärhistorische Sammlung gegeben. Der Fördervereinsvorsitzende Markus Wicke stellte den Gemäldefund am 11.12.2018 gemeinsam mit unserer Museumshistorikerin Dr. Wenke Nitz, dem Museumskonservator Oliver Max Wenske und Ernst Schüßling vom Semper talis Bund vor. Markus Wicke entdeckte die 15 Gemälde vor einigen Monaten bei einem Mitglied des Fördervereins, dessen Familie die stark zerkratzten Leinwände seit den 1950er Jahren aufbewahrte und nun dem Förderverein als Schenkung zur Verfügung stellte.”

Gemäldefund stark beschädigter Offiziersporträts aus dem früheren Potsdamer Garnisonmuseum © Potsdam Museum

“Die historischen Porträts zeigen Offiziere des 1. Garde-Regiments zu Fuß, die in den Kriegen 1866 (sog. „Deutscher Krieg“ zwischen Österreich und Preußen) und 1870/71 (Deutsch-Französischer Krieg) gefallen sind. Die Gedenkporträts gelangten z.T. als Schenkung an das Offizierskorps des 1. Garde-Regiments zu Fuß und wurden in den Räumen des Regimentshauses in der damaligen Mammonstraße (heute Werner-Seelenbinder-Str., Gebäude nicht mehr vorhanden) präsentiert. Nach Auflösung des Regiments gelangten die Gemälde in den Besitz des 1921 von ehemaligen Regimentsangehörigen gegründeten Semper talis Bundes, der die Bilder als Leihgabe in das 1923 von der Stadt Potsdam gegründete Garnisonmuseum gab. Das Museum befand sich im ehemaligen Marstall des Potsdamer Stadtschlosses (heute Filmmuseum). Dort sind die meisten der aufgefundenen Gemälde auf zwei Fotos von Max Baur aus dem Jahr 1938 dokumentiert. Die handsignierten Fotos sind erst kürzlich vom Förderverein des Potsdam Museums für die Sammlung angekauft worden.
Nach der kriegsbedingten Schließung des Garnisonmuseums 1944 und dem Kriegsende 1945 blieben die Gemälde zunächst in der Obhut des städtischen Museums, bis sie im Februar 1950 einer offenbar politisch motivierten Vernichtungsaktion zum Opfer fallen sollten. Wie ein Protokoll aus dem Museumsarchiv zeigt, sind insgesamt 42 Gemälde, darunter auch die aufgefundenen Offiziers-porträts als „ohne jeden Wert“ tituliert, aussortiert und angeblich „vernichtet worden“. Tatsächlich wurden jedoch lediglich die Gesichter der Porträtierten von der Leinwand gekratzt und die damit stark beschädigten Leinwände nicht in Gänze vernichtet. Vermutlich wurden sie aus Materialknappheit an ortansässige Künstler übergeben, damit diese die Leinwände übermalen konnten. Davon zeugen auch die Grundierungen auf einigen der 15 überlieferten Bilder.
Nach der Entdeckung und Übergabe der Gemälde nahm der Förderverein des Potsdam Museums Gespräche mit dem Semper talis Bund als früherem Besitzer und dem Potsdam Museum auf. Der Semper talis Bund erklärte sich daraufhin bereit, einen Teil der Gemälde dauerhaft dem Potsdam Museum zu überlassen.“

Generell gilt: Im Gegensatz zur Washingtoner Erklärung gibt es im Fall der SBZ-/DDR-Enteignungen (noch) keine juristische Grundlage für Restitutionen – auch nicht, wenn es sich um Beschlagnahmung von Kunst von Republikflüchtlingen handelt.

Zusatzhinweis: Wenn Sammler/innen privat Provenienzforschung bereits durchgeführt haben bzw. diese derzeit durchführen und dabei auf einen NS-Raubgutverdacht gestoßen sind: Seit Anfang des Jahres 2019 fördert das Deutsches Zentrum Kulturgutverluste auch Projekte zur Ermittlung der Erben von Werken, die den Vorfahren während der NS-Herrschaft verfolgungsbedingt entzogen wurden.

Fragen oder Hinweise gerne an provenienz @ kunstgesellschaft.berlin oder an uns redaktion @ kunst-mitte.com. Danke!

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