KUNST/MITTE Notes

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Der deutsche Pavillon in Venedig 2019

17.05.2019, Jana M. Noritsch

Eröffnung der 58. Biennale di Venezia

Der deutsche Beitrag auf der Kunst-Biennale 2019 (Foto: Jana Noritsch)
Der deutsche Beitrag auf der Kunst-Biennale 2019 (Fotos: Jana Noritsch)

Zwei Fragen haben mich auf meiner diesjährigen Reise zum deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale begleitet – und ich habe absichtlich vermieden, mich im Vorhinein in das Konzept der Kuratorin Franciska Zólyom (Direktorin der gfzk Leipzig) zu vertiefen. Es ist mir oft wichtiger, herauszufinden, ob ich mich einfühlen kann in das Werk, ob spürbar wird, dass hier jemand etwas zu sagen hat und wie viel dies mit mir zu tun haben könnte.

Warum trägt die Künstlerin Natascha Süder Happelmann einen Stein und keine andere ‚Maskierung‘ auf den Schultern? [1] Haben das alle mit der Namensänderung von Natascha Sadr Haghighian, aber auch ihrer pseudonymisierten Sprecherin Helene Duldung [2], verstanden? Und eine weitere Frage ergab sich, als ich an den Presse-Stand des Pavillons trat: Welche Bedeutung hat die Trillerpfeife?

Nach der aufwühlenden Erkenntnis, dass der venezolanische Pavillon aufgrund der politischen Unruhen im Land noch geschlossen ist, stelle ich fest, dass der deutsche Biennale-Beitrag nur über den Seiteneingang zu betreten ist. Der Haupteingang bleibt verschlossen wie eine Mauer. Ein irritierendes Gefühl, hier gegen die Wand zu laufen, nicht willkommen zu sein. Während vor den Eingängen der benachbarten Pavillons lange Besucherschlangen zu sehen sind, ist hier niemand… Im Eingangsbereich dann steht massiv ein Stapel leerer Gemüsekisten, auf welchem Gestänge lagert (Wird noch aufgebaut oder wurde bereits abgebaut?). Dagegen lehnt ein übergroßes Werbeschild für Tomaten. Es schließt sich ein Raum an, der rechtsseitig wie eine riesige Staudamm-Mauer wirkt, leicht gewölbt, aus Beton, bedrohlich, weil an einer Stelle durchlässig – so zumindest suggerieren die bräunlichen Latex-Pfützen, deren Rinnsal einer Ausbuchtung in der Mauer entspringt und Steine in verschiedenen Größen im Raum erreicht; Steine, die ausschauen wie jener, den Natascha Süder Happelmann auf all den Pressefotos trägt.

Ausstellungsansicht von Natascha Süder Happelmanns Installation "Ankersentrum" [sic!] im Deutschen Pavillon der Kunst-Biennale, Venedig 2019 (Foto: Jana Noritsch)
Ausstellungsansicht von Natascha Süder Happelmanns Installation “Ankersentrum” [sic!] im Deutschen Pavillon der Kunst-Biennale, Venedig 2019 (Foto: Jana Noritsch)

Ein weiterer Raum dient als Transit zum zweiten großen Ausstellungsbereich: der Soundinstallation. Dort begegnen uns die Trillerpfeifen wieder, die mehrstimmig und über knapp 50 Lautsprecher eingespielt werden; manchmal von wohlklingend-hüftanimierenden Beats unterlegt. Die Trillerpfeife als Warnsignal in den Ankerzentren [„Anker, das ist die Abkürzung für Ankunft, Entscheidung und Rückführung.“] verweisen exemplarisch auf die Verhinderungen der Deportationen in der Massenunterkunft Ickerweg bei Osnabrück.

Die Pfeife als warnendes, rettendes Instrument der ghettoisierten Geflüchteten, die sich Tag und Nacht in Schichtsystemen aufteilten, um die Community bei Ankunft der Polizei zu warnen: 2017/18 in Deutschland (vgl. Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.). (Katalog und Beigabe, Foto: Jana Noritsch)
Die Pfeife als warnendes, rettendes Instrument der ghettoisierten Geflüchteten, die sich Tag und Nacht in Schichtsystemen aufteilten, um die Community bei Ankunft der Polizei zu warnen: 2017/18 in Deutschland (vgl. Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.).
(Katalog und Beigabe, Foto: Jana Noritsch)

Die Beats referieren vielleicht auf vielfältige Lebensrhythmen? Letztere sind zumindest so ziemlich der einzige Grund, hier verweilen zu wollen, zwischen diesen kalten, zugemauerten, versteinerten Wänden und dem Stahlrohrgestänge…

Wie sieht es aus in Deutschland?   

Identität [3], Integration, Migration, Rassismus, Flüchtlings- und Asylpolitik, Arbeitskräfte-Ausbeutung… Diese Realitäten, von denen wir alle in Deutschland und Europa größtenteils wissen („offene Geheimnisse“), versucht die Künstlerin neu ins Gespräch zu bringen. Größtenteils sage ich deshalb, weil ich erst durch diese Ausstellung tatsächlich einiges Erschütterndes erfahren habe. Vorgänge, von denen ich nicht durch die Presse (oder Social Media) erfahren habe! Ein Phänomen, das wir während der DDR-Aufarbeitung kennengelernt haben und uns in Verbindung mit der sog. Auschwitz-Lüge immer wieder begegnet… Wie steht es wirklich um unsere Informationsdienste, um unser Rechtsstaatssystem, um die Lebensmittelindustrie in Europa, während wir hier über New Work und Agilität sprechen? Leider gehe ich ohne Idee aus der Ausstellung, wie wir gemeinsam Lösungen finden könnten: der Wall scheint fast zu hoch – und niemand zur Stelle, mit dem man sich beraten könnte. So muss es sich anfühlen, wenn man an einen Ort kommt, an dem man nicht erwünscht ist.

Fakt ist, dass sich im Rahmen der Ausstellung weder die Opfer personifizieren lassen noch die Künstlerin. Das Pendant zu Präsentationen anderer Künstler*innen. Im hiesigen Fall werden nicht „eine Anklage oder die Opfer (re-)präsentiert“, sondern die Künstlerin und Kuratorin fordern das kollektive Denken.

Und unmittelbar wird bewusst, dass auch die einzelnen Länderpavillons nationale Hoheitsgebiete – wenngleich auf italienischem Boden – sind. 2019 nehmen 91 Nationen teil. Den deutschen Beitrag der Weltausstellung verantwortet das Auswärtige Amt, das die Kuratorin/den Kurator ernennt. Jene*r ihrer-/seinerseits wählt die/den Künstler*innen aus.   

So ernst und komplex der künstlerische Beitrag auch ist, so berührt er mich heftig und motiviert, tiefer eintauchen zu wollen – nicht nur in den Problemkosmos, sondern auch in die Arbeit der in Bremen dozierenden Video- und Installationskünstlerin Natascha Sadr Haghighian (HfK).

 „I can’t work like this“, Natascha Sadr Haghighian, 2007: (c) KÖNIG Galerie
„I can’t work like this“, Natascha Sadr Haghighian, 2007: (c) KÖNIG Galerie

58. Internationale Kunstausstellung in Venedig
Titel: May You Live in Interesting Times

Kurator: Ralph Rugoff
Liste der 79 teilnehmenden Künstler*innen
11. Mai bis 24. November 2019
www.labiennale.org


[1] Die Künstlerin konstatiert, dass Mensch und Stein nicht zusammenpassen. Bestätigt wird dies durch die Irritation, die der große Pappmaché-Kopf auch tatsächlich ausgelöst hat. Und so habe er sein Ziel erreicht, meint die Kuratorin, denn nur Verwunderung könne zu Bewegung und Veränderung führen. (Im Übrigen gibt es auffallend viele mit Stein arbeitende künstlerische Positionen auf der sehr sehenswerten Biennale.) Ein weiterer relevanter Punkt ist, dass Natascha S. H. nicht als Einzelne auftritt, sondern alle mitwirkenden Künstler*innen genannt werden: So karrierefördernd ein Ausstellungsbeitrag auf der Biennale oder documenta sein mag, er ist doch nie allein zu bewerkstelligen!

[2] Geben Sie einmal „Helene Duldung“ bei Google ein: Zumindest bis vor der medialen Aufmerksamkeit durch die Biennale, erschienen in der Google-Suche direkt Informationsseiten zu Aufenthaltsgenehmigungen und Asylanträgen. Die Position der Sprecherin der maskierten, nicht-redenden Künstlerin übernimmt bis zum Ende der Kunstbiennale die Schauspielerin Susanne Sachsse. / Basierend auf ihrer Lebenserfahrung, dass sich kaum jemand ihren korrekten Namen merken konnte, hat sich die iranisch-deutsche Künstlerin mittels ihres Sammelsuriums den eingängigen Namen „Natascha Süder Happelmann“ für die Zeit der Biennale gegeben.

[3] Bekannt ist die Künstlerin u.a. für ihre CV-Tauschbörse www.bioswop.net: Auf der Online-Plattform lassen sich künstlerische Vitae tauschen oder montieren, was das Name-Dropping auf dem Kunstmarkt vorführt.

Das Kollektiv: Raumkomposition: Natascha Süder Happelmann mit Jesko Fezer, Anita Kaspar und Andreas Müller, Kooperative für Darstellungspolitik. Plastiken: Sina Ahmadi mit Joy Tyson und Emre Abut.
Im musikalischen Kollektiv für „Tribute to Whistle“ sind Jessica Ekomane, Maurice Louca, DJ Marfox, Jako Maron, Tisha Mukarji und Elnaz Seyedi. Mehr auf: https://deutscher-pavillon.org

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