KUNST/MITTE Notes

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Der Raum zwischen Wand und Bild: Was uns die Rückseite einer Leinwand verrät

Sammler kennzeichnen Kunstwerke hinten mit ihren Archivnummern, Auktionshäuser mit den Losnummern und Künstler signieren nicht nur, sondern erarbeiten mitunter ganze Kompositionen auf der Rückseite der Leinwand oder mindmappen den Titel einer Arbeit. Insbesondere, wer viele Ausstellungen hängt, kommt nicht nur in den Genuss, wildeste Verpackungsarten von Bildern kennenzulernen, sondern eben auch solche—sonst verborgenen—Informationen zu entdecken.


Rückseite von Benjamin Burkards Heimkehrtwende, 2017, Foto: J. M. Noritsch

Fachleute finden auf der Rückseite eines Bildkörpers wichtige Hinweise zur Qualität der Grundierung, zum verwendeten Material (Leinen dünn, dick, Filz u.ä.), sein Alter oder zur Stabilität des Rahmens. Interessanterweise sind hier sogar verworfene Bilder zu entdecken, denn zum einen gibt es sparsame Künstler und zum anderen kann die bereits bemalte Seite des Leinens eine derart grobe Materialität haben, dass der Maler sich diese durch umgedrehtes Aufspannen urbar macht.

Bei anderen Bildern wiederum werden hinterrücks Beschädigungen korrigierende Flicken oder beabsichtigte Risse sichtbar.

Mitnichten zufällig arbeitet die Leipziger Künstlerin Franziska Reinbothe, die das Technische an der Vorder- und Rückseite einer Leinwand zum bildgebenden Thema macht. Sie nimmt das Bild aus dem Bild heraus und über Brüche, Drehungen oder Dehnungen verkehrt sie die Rahmungen derart, dass teilweise die Rückseite zur Butterseite wird. Vielmehr: Ihre Position handelt immer vom Zusammenhang beider Seiten, die Vorderseite ist nichts ohne das Geschehen im Background und umgekehrt.


ca. 135x125x11cm, 2017, Acryl auf Leinwand, Franziska Reinbothe

Der Auseinandersetzung mit der bewusst aufklärerischen, konzeptionellen Arbeit, die aufdeckt, was sonst verborgen bleibt, widmet die Gallery Sofie Van de Velde (Antwerpen) zur Zeit eine Ausstellung, kuratiert von Burkhard Brunn. Die Ausstellung Backstage: die Rückseite/the rear side ist noch bis zum 15. Oktober 2017 geöffnet.

Wenn Sie also einmal ein Gemälde geschenkt bekommen und es nicht mögen, hoffen Sie auf eine unzulängliche Grundierung des Malers und schauen Sie sich mal die Rückseite an—hier scheinen oft ölhaltige, konturenstarke Abbilder der Vorderseite durch… Einen Blick dahinter lohnt sich immer!

Jana M. Noritsch und Matthias Moseke waren für Sie vor Ort.

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