KUNST/MITTE Notes

Das Web-Magazin für Kunst und Kultur in Mitteldeutschland.

Sie können nicht anders. Bildhauer begegnen einer Bischofsresidenz

Das Museum zur Brandenburgischen Kirchen- und Kulturgeschichte in der ehemaligen Bischofsresidenz Burg Ziesar hat bis Ende Oktober sechs Bildhauer zu Gast, deren Arbeiten in der ständigen Ausstellung zur Christianisierung Brandenburgs über drei Etagen neue Akzente setzen.

Den Rundgang im Burgmuseum eröffnet Anna Franziska Schwarzbach. Ihre Erfurter Figur von 2011 belebt nicht nur das Plakat zur Ausstellung. Ihr Werk hat in Ziesar generell einen starken Auftritt. Vielfältig in der Ausdrucksform lassen mich ihre herrlich schroffen Weibsfiguren nicht unberührt. Betend, kauernd, tanzend aber selten lachend, eben lächelnd unbescheiden in Holz oder Eisen; ihr Umgang mit dem Material ist immer aufregend und verweist gerade im Detail auf eine lange Erfahrung. Auf Solche können auch die Brüder Flierl zurückschauen, deren Arbeiten unterschiedlicher nicht sein könnten. Florian Flierl bleibt konstant bei seiner geometrischen Figuration, die unter Anderem mit einer wundervollen Terracotta-Arbeit direkt am Eingang zur Ausstellung platziert ist. Einem Nubischen Krieger gleich krümmt sich diese Figur, wie zum Sprung bereit.

Der Jüngere der Beiden, Marco Flierl, zeigt ein Modell der Bronzenen Flügel-Tür die er 2015 für die Schlosskirche in Wittenberg entwarf. Ein beeindruckendes Beispiel der Giesskunst wird so dem Betrachter in Werkprozess und Modell erklärt. Im Rahmen der Museumsschau muss ich allerdings zweimal hingucken um diese Unterrichtseinheit nicht mit den Exponaten zur Christianisierung Brandenburgs in einen Topf zu werfen. Da hilft dann—ausnahmsweise—die unsägliche Praxis, Titelschilder direkt auf die Objekte zu bappen: Punktabzug!

Klaus Cenkier präsentiert neben seinen autobiographisch verankerten Lebensfenstern auch neuere Arbeiten von 2017. Das ist famos, denn sie belegen die konsequente Weiterentwicklung seiner Technik und seines Ausdruckvermögens. Polierte Flächen sind derzeit wahnsinnig in, doch bei Cenkier´s Krümmung gewinne ich nicht den Eindruck, er wolle gefallen. Das Polierte entspringt hier originär dem Anspruch der Form. Der Künstler Bernd Streiter hingegen tritt alles andere als poliert auf. Seine früheren Figuren sind toll und aus der Haut gefahren. Mich springt es an—das waren die Neunziger—da wurde geradezu erwartet, dass einem die Kunst mal in die Fresse haut. Ja, so war das, und hier stehen die Ketzer von Streiter im richtigen Kontext: Christianisierung war ein blutrünstiges Unterfangen. Genau hiervon erzählen die Figuren des Bernd Streiter. Und 25 Jahre nach ihrer Entstehung sind sie verdammt aktuell.


Rudolf Borkenhagen

Zuguterletzt überzeugt mich Rudolf Borkenhagen in seiner Stringenz, den Weg der Abstraktion nicht mehr zu verlassen. Da sind Engel und Kreuze, und doch auch nur geknetete Form; irgendwie (doch ganz bestimmt bestimmt) banal erscheinend und dann wieder imposant, sakralisiert und bedeutend. „Was soll ich davon halten?“, fragt es mich, und ich wende mich noch einmal seinen Gesichtern der Reformation zu, die einfach nur aus einem dicken Draht geformt sind und gehe dann beeindruckt ab.

Übrigens: Die Gruppe formiert sich regelmäßig als El Vuelo de Bronce (Der Flug der Bronze) mit stets neuen Gästen aus Kuba und Spanien auf internationalem Parkett. 2018 könnte es zu einem Symposium in Magdeburg kommen, die Zusammenarbeit mit Universität und Technikmuseum scheint gesichert, ein Interesse seitens der Stadt wurde signalisiert.

Oliver Scharfbier hat die Ausstellung für Sie besucht. Bis zum 31. Oktober 2017 können auch Sie die Ausstellung noch sehen.

PS: Abonnieren Sie unseren Newsletter, wenn wir Sie über Kunst und Kultur in Mitteldeutschland auf dem Laufenden halten sollen.

Newsletter

Hinweise auf neue Beiträge und unsere Kulturtipps erhalten Sie nur über unseren Newsletter: