KUNST/MITTE Notes

Das Web-Magazin für Kunst und Kultur in Mitteldeutschland.

Sammler, Künstler, Galeristen zwischen Metropolitis und regionalen Größen

Sie lesen Teil 3 der Serie Momentaufnahme zum zeitgenössischen Kunstmarkt in Deutschland von Jana M. Noritsch (Collectors Club Berlin). Hier geht’s zum Teil 1 „Sammler, Künstler, Galeristen zwischen Kommerz und Leidenschaft“.

Jeden Tag hören und lesen wir von den renommierten Häusern in den Hauptstädten dieser Welt: Hier werden die ganz großen Schauen eröffnet. Weltberühmte Künstler zeigen ihre Werke—und die Metropolen wetteifern um die größten Ausstellungen und Künstler.

Eingebrannt in unsere Wahrnehmung sind als the place to be in Deutschland natürlich: Köln, Berlin, Hamburg, München usw. Dies gilt für Künstler, Sammler und Galeristen gleichermaßen. Wer hier ausstellt, steht mitten im Hotspot und wer hierhin kommt, um Kunst zu kaufen, der kann vermeintlich sicher sein, den wirklichen heißen Stoff zu bekommen.

Jedoch: Es wird regionaler. Seit einiger Zeit beobachten wir starke Tendenzen, dass Sammler ihre Sucher einnorden auf entweder ihren Heimatort oder eine Region, an der sie aus verschiedenen Gründen Gefallen finden. Sei es durch einen Atelierbesuch oder eine Empfehlung. Schauen wir ganz an und für sich einen Moment genauer, was die Leute kaufen und wo die Künstler arbeiten, finden wir fernab aller metropoliten Hysterien neben kreativem Treiben vor allem eine gehörige Portion Besonnenheit. Und auch die großen Galeristen schicken ihre—wenn auch in Stroh gekleideten—Leute an die Orte, wo sich Glamour und Hochglanz am Ortseingangsschild verabschieden. Dort, wo Authentizität und Material nicht eine Kulisse bilden, sondern schlicht gelebt werden. In Werkstätten und Ateliers, kollektiv oder solo. Hier treffen wir Mäzene, die Potential und Kraft erkennen und gerne fördern.

Kunst passiert überall, unaufhörlich.

Das heutige Schlaglicht gilt Mitteldeutschland. Welche Gegend das genau ist? Zu dieser Region gehören Städte wie Magdeburg, Dessau, Halle, Leipzig, Dresden, Merseburg, Erfurt, Jena, Gera, Zwickau, Chemnitz und Altenburg; und alles Land dazwischenliegend. 1997 wurde sie als siebte der elf Metropolregionen in Deutschland von der deutschen Ministerkonferenz für Raumordnung anerkannt. Hier gab es schon immer viel zu entdecken. Vor dem Mauerfall und danach; wie wir spätestens seit der Leipziger Schule wissen. Wer die Baumwollspinnerei heute besucht, hat nicht das Gefühl, nicht in einem Hotspot international anerkannter Kunst zu sein. Aber die Baumwollspinnerei ist auch das Paradebeispiel schlechthin. Denn wie überall werden auch hier die szenigen Künstlerareale, wie das Westwerk, von Großinvestoren vertrieben. Und wie immer ziehen die Kunstschaffenden weiter, bauen sich neue Communities auf. Adressen, die zunächst wenig nobel sind, es aber einige Jahre später werden. Auch was Kunstmessen betrifft ist die Region aufgestellt: Die Ostrale in Dresden, die Mitteldeutsche Kunstmesse in Magdeburg, die artthuer in Erfurt vom VBKTh, die neue HalArt 2017, in die der etablierte 38. Grafikmarkt integriert sein wird, und auch Leipzig hat eine Kunstmesse.

Seit drei Jahren gibt es die Mitteldeutsche Kunstmesse KUNST/MITTE in Magdeburg. Ich durfte mit dem künstlerischen Leiter Sebastian Herzau sprechen. Herzau hat selbst an der Burg Giebichenstein, der Hochschule für Kunst und Design Halle studiert und steckt nicht nur hierzulande in der Szene, sondern ist in ganz Deutschland ein gefragter Mann.

„Die Galerieszene in Magdeburg ist relativ überschaubar, weshalb die KUNST/MITTE zu einem relevanten Sprungbrett für, zum Beispiel, die Burg-Absolventen geworden ist. Hier gibt es eine klare Ausrichtung auf Malerei, wenngleich auch Bildhauerei, Fotografie, Grafik und besonders Installationen vertreten sind.“, sagt Herzau.

Die mitteldeutsche Kunstmesse KUNST/MITTE ist ein Forum für Vertreter zeitgenössischer Kunst mit Nachwuchskünstlern, etablierten Gegenwartskünstlern und Galerien. Zum Ausstellungsgelände gehören ein gründerzeitlicher Wasserturm (1893/94), ein großes Pumpenhaus sowie ein naturbelassenes Freigelände, das als Skulpturenpark genutzt wird. Der Turmpark befindet sich im elbnahen Stadtteil Salbke, der wie kein anderer durch die zahlreichen Industriedenkmäler und weiträumigen Industriebrachen von der Vergangenheit Magdeburgs zeugt—uns aber auch zeigt, wie nun immer mehr Künstler und Kreative diesen Stadtteil beleben.


Digital Love l The Collector-KUNST/MITTE 16 by C. J. Smith

„Neu auf der diesjährigen KUNST/MITTE ist der YoungArtistSpace (YAS)“, freut sich Herzau. Denn „die Solopräsentation junger, noch weitgehend unbekannter Vertreter zeitgenössischer Kunst war auch in den vergangenen zwei Jahren Bestandteil der KUNST/MITTE. Die positive Resonanz und rege Nachfrage veranlasste uns als Veranstalter der Messe 2017 einen eigenen Ausstellungsraum für Newcomer einzurichten. Auf gut 100 qm² werden nun ausschließlich Arbeiten von Nachwuchskünstlern und jungen Galerien gezeigt.“ Es gäbe hier so viele spannende junge Positionen und einzelne Potenziale, die es aufzuspüren lohnt, berichtet Herzau weiter. Gespannt sein dürfe man u.a. auf die diesjährige Präsentationen von Christopher John Smith, einem zuweilen extremen, aber anziehenden Installationskünstler der Region, der im vergangenen Jahr den Turm bespielte („The Collector“). Aus der Pfalz kämen die starken Malereien von Dominik Schmitt und Benjamin Burkhard. Die Leipziger Fotografin Loreen Hinz müsse man gesehen haben und auch die Holzschnitte von Hanna Sass seien reizvoll. Experimentell und erhellend—und deshalb einen Messebesuch wert—seien auch die Arbeiten von Lisa Schwermer-Funke und Carl Benz, der im YAS seine Glasarbeiten und Objekte zeigt.

Das ist keine Protzmesse: Neben den eingesessenen Galerien wollen wir auch Künstlern, die sich selbst vertreten, die Möglichkeit zum Austausch bieten. Dass wir zeitgleich mehrere Künstler damit unterstützen können, ist ein großer Schritt. Wir starten mit frischen Positionen und das freut auch die Sammler!

Magdeburg ist ein Ort, an dem Besucher zuweilen überraschend versteckte Galerien finden, aber auch Projekträume oder Festivals, die ihren eigenen Charme haben und eine Qualität aufweisen, die zweifelsohne auch internationale, junge Künstler anziehen. 2015 gab es das Festival „Sinnlichkeit“, das vom Kulturanker e.V. organisiert wurde und eine beeindruckende Ausstellung mit Auslobung in einem ehemaligen Knast war, deren ersten Preis die kolumbianische Künstlerin Juana Anzellini gewann (damals Uni Greifswald, lebt heute in Berlin). Auf die Frage nach dem besten Museum in Magdeburg antwortet Herzau:

Neben temporären Aktionen wie Kulturfestivals, die Schwerpunkte auf die Bildende Kunst setzen, gibt es natürlich das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen. Ich hoffe, dass sie weiterhin mit der Stadt wachsen – hier könnte es noch mehr frische Positionen, noch mehr Mut geben! Klassische Kunstrichtungen sind ja durch die Burg Giebichenstein vertreten, wir haben das Bauhaus in Dessau, aber eher experimentelle zeitgenössische Kunst finden wir dann vornehmlich in Braunschweig.


KUNST/MITTE 2016, © P. Hiersemann

Die Messe ist gut für die Landeshauptstadt. Magdeburg ist eine tolle Stadt. Herzau beschreibt sie als „eine Blüte, die langsam aber sicher aufgeht. Das große Potential liegt in den Räumen, die man hier noch bespielen kann – in den Künstlergruppen, in die man sich noch integrieren kann. In Magdeburg geht es eben nicht darum, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen, sondern man kann noch selbst Teil des Ganzen werden, einen Zug in Bewegung setzen, seiner eigenen Sache nachgehen.“

Neben der Kulturförderung durch die öffentliche Hand (u.a. dem Kunstpreis des Landes Sachsen-Anhalt, der Kunststiftung Sachsen-Anhalt oder Stiftungen wie die Kloster Bergesche Stiftung) interessiert mich, wie es um Mäzene und private Kunstsammler im Land steht: „Ja, solche gibt es gar nicht mal wenige.“, bestätigt Herzau. „Sie entdecken Künstler und unterstützen sie dann auch gerne langfristig, während des Studiums, zum Beispiel durch Ankäufe, aber auch Kontakte und Weiterempfehlung. Das ist richtiges Mäzenatentum! Primär ist vielen von ihnen wichtig, dass die Kunst weiterhin gemacht werden kann und der Kunststudent nicht nebenher kellnern gehen muss. Das hilft besonders in den Bereichen Medienkunst/Installation, die ja ohnehin schwer verkäuflich sind.“

Künstler gehen meistens dahin, wo sie sich wohlfühlen. In ländlichen Gegenden sind Wohn- und Arbeitsräume natürlich noch bezahlbarer. Hingegen haben Großstädte den Vorteil oder versprechen zumindest, dass man mehr Kontakte knüpfen kann. „Von Magdeburg aus kann man gut starten: Ob Künstler hier teilweise mit ihren jungen Familien auf’s Land ziehen, um dort zu arbeiten, oder in der Stadt bleiben, auf jeden Fall orientieren sie sich in Ruhe und gehen dann gezielt raus. Sie sind gut vernetzt—oder wer direkt nach dem Studium ausschert, geht nach Berlin oder von Halle dann eher nach Leipzig…“

Auch Sammler orientieren sich und stöbern gerne. Ich finde, das fühlt sich hier im Gegensatz zu den haltlos vielen Openings—täglich—in Berlin, Köln und Hamburg sehr viel entspannter und entdeckungsfreudiger an:

Jagen und Entdecken gehören zum Sammeln. Diejenigen, die hier kontinuierlich hochkarätige, regionale Arbeiten erwerben, fahren dann für aktuelle Ausstellungen ihrer Künstler auch mal 400 Kilometer. Besonders ist dies bei jungen Leuten zu beobachten: Junge Kunst für junge Sammler und zwar genreübergreifend. Gerne völlig neu und gerne auch mal größer, werden sie auch auf der KUNST/MITTE fündig werden. Ich glaube, dass es mittlerweile ein stärkeres Bewusstsein fürs Sammeln gibt; ein umfassenderes. Die hiesigen Sammler, besonders die jungen, kaufen definitiv mehr Kunst, als sie sich zu Hause an die Wände hängen können. Und das erfüllt auch die Messeräume hier immer wieder mit einer tollen Energie! Besonders zu den Eröffnungs- und Sammlerabenden ist der Andrang natürlich groß; und der Anreiz, zu sehen, zu entdecken und mitzunehmen. Sammler, die einmal vor Ort waren, kamen auch an einem anderen Messetag noch einmal wieder, weil ihnen die Sachen einfach ­­­nicht mehr aus dem Kopf gingen!, freut sich Herzau.

Das kann auch ich aus dem letzten Jahr nur bestätigen. Das liegt vor allem an einer sorgfältigen Kuration. Die gesamte Konzeption baut auf überlegte Spannungsbögen und ein ausgewogenes Verhältnis der verschiedenartigen Beiträge. Beides resultiert aus der Tatsache, dass die Leute, die hinter der Messe stehen, seit wirklich vielen Jahren im Geschäft sind, wenn die KUNST/MITTE selbst auch noch jung ist. Hier gibt es einen guten Griff, der Entwicklungen aus der Region zeigt, aber Künstler auch aus dem gesamten Bundesgebiet anlockt. Die Teilnahme renommierter Galerien bestätigt obendrein die  Auftritte der Newcomer.

Damit endet unsere Reihe von Jana M. Noritsch (Collectors Club Berlin) zum Kunstmarkt in Deutschland. Der Collectors Club Berlin ist Aussteller auf der KUNST/MITTE 2016 und 2017.

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