KUNST/MITTE Notes

Das Web-Magazin für Kunst und Kultur in Mitteldeutschland.

Sammler, Künstler, Galeristen zwischen Kommerz und Leidenschaft

Sie lesen Teil 1 der Serie Momentaufnahme zum zeitgenössischen Kunstmarkt in Deutschland von Jana M. Noritsch (Collectors Club Berlin).

Sehnsuchtsort: Kunst. Wem begegnen wir hier?

Künstler verarbeiten Inhalte, ob aus eigener Erfahrung oder aus Sekundärinformationen. Sammler fahren zur ArtCologne und ArtKarlsruhe, gehen direkt zu Künstlern ins Atelier oder folgen lange Jahre ausgewählten Galeristen. Galeristen veranstalten Events oder hören langsam auf, Kuratoren für Ausstellungskonzeptionen einzukaufen. Kuratoren brauchen die Komfortzone, thematische Ausstellungen zu machen, die leicht konsumierbar und verkaufbar sind. Interessierte sollen glauben, was die Hochglanzmagazine drucken. Redakteure arbeiten größtenteils mit Advertorials: Copy & Paste, was der Zahlende dann Pressearbeit nennt.


Jana M. Noritsch im Gespräch mit einem Sammler

Sie alle blicken vielerorts auf ein Feld von Farbexplosionen, Apokalypse und Hysterie. Oft transportiert sich ein Gefühl der Überforderung. Viele malerische, skulpturale oder digitale Arbeiten sind nicht durchkomponiert. Es wiederholt sich. Fließt einfach nur vorbei.
Überanstrengung—wenngleich gekoppelt an die Suche nach Inhalten—ist ebenfalls zu spüren bei Großevents wie der Biennale in Venedig und der diesjährigen documenta in Athen/Kassel (hier allerdings seitens der Ausstellungsmacher). Zu oft laufen die Messages ins Leere. Außereuropäische Kunst z.B. durch textile Werke und trommelnde Heimatklänge vorzustellen, führt nur dazu, dass wieder die Schubladen aufgemacht und falsch einsortiert wird.

Wegsortiert in unsere Kunstgeschichte wurde in diesem Jahr auch der einstige Provokateur Joseph Beuys durch Andres Veiels unkritisch geschnittene Mainstream-Hommage. Es scheint, als ob Deutschland Helden auf dem Kunstmarkt braucht. Gibt’s die denn nur in der Vergangenheit?

Dem ist keineswegs so. Bemerkenswerte Künstler finden wir im Hier und Jetzt. Nicht ohne Grund gibt es heute sehr viele Sammler, die bei Banken tatsächlich dermaßen hoch verschuldet sind, dass Galeristen ihnen eigentlich kein weiteres Kunstwerk mehr verkaufen dürften. Und neben vielen Käufern, die für ihre Kunstliebe keinen Kredit aufnehmen müssen, beginnen zunehmend junge Menschen damit, Kunstsammlungen aufzubauen. Viele unserer Kuratorenkollegen laden zu wirklich guten Kunstgesprächen ein. Es gibt Galeristen und Künstler, die seit langem konsequent an einer niveauvollen Qualität arbeiten.

„Der Kunstmarkt hat viele Gesichter, von der großen Bühne der renommierten Messen und Festivals über kleine Fördertöpfe von Firmen und Banken bis hin zum selbst aufgebauten, privaten Sammlerkreis. Markt-Teilhabe gehört natürlich auch zu meiner Arbeit als bildender Künstler. Der Verkauf eines Bildes bewegt weit mehr als meinen Kontostand, gibt mir Bestätigung, Sicherheit, Motivation, aber auch ein Gefühl von Verlust. Ich freue mich über jedes Bild, das ich noch habe.“ — Matthias Moseke, Berlin

Es vollzieht sich ein Wandel in der Wahrnehmung von Kunst.

Momentan ist deutlich zu spüren, dass Sammler, Künstler und Ausstellungsmacher die industrialisierte Kunstwelt als eine Parallelwelt akzeptieren, die sie jedoch nicht mehr ständig verwirren soll. Selbstbewusst streifen nach und nach alle das Ohnmachtsgefühl ab und gehen dorthin, wo sie Vertrauen finden.

Tatsächlich ist es schwierig, sich auf einer Vernissage wohlzufühlen, bei der es um alles Mögliche geht, nur nicht um Kunst.

Kunst entspringt einer intimen Arbeit, die in einer Werkschau daran interessiert ist, eine Resonanz im Betrachter hervorzurufen. Wenn Kunst wirkt, etwas in uns bewegt, ist sie gut. Und in dieser Kraft ist sie einmalig; und frei. Es kann komplizierter sein, muss aber nicht. „Kunst argumentiert nicht.“ (Ingeborg Bachmann)

Uns ist wichtig, dass die Menschen wieder mutiger sind, Kunst einfach erst einmal wirken zu lassen, anstatt sich an einem unemotionalen, reglementierten Kanon zu orientieren wie in einem Katalog für Kaffeemaschinen.

„Künstler sind davon abhängig, dass ihre Arbeiten für die Gesellschaft einen Wert darstellen und honoriert werden. Zu Zeiten der Höhlenmalerei wurden Schöpfer künstlerischer Arbeiten während ihres Schaffensprozesses von den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft miternährt. Kunst und Künstler streben allerdings nach Unabhängigkeit. In diesem Spannungsfeld suchen Künstler nach Möglichkeiten, trotz finanzieller Abhängigkeiten sich frei auszudrücken und die Gesellschaft mitzugestalten.“  — Rainer Jacob, Leipzig

Diese Veränderungen in Deutschland führen dazu, dass sich Künstler stärker das direkte Gespräch mit Sammlern wünschen. Vor allem wünschen sie sich auch Galeristen, die genau hinschauen, sich für den künstlerischen Prozess interessieren und sich nicht etwas von der Börse diktieren lassen.

„Kunst, die ambiguos, un-eindeutig ist, ist sehr selten zu sehen. Mir erscheint der Zeitgeist zu unkritisch – Kuratoren heißen selten Experimente oder Prozeßhaftes willkommen. Immer sollen es klare Aussagen sein.“ — Deborah S. Philips, Berlin

Für Künstler gibt es neue Möglichkeiten, sich bspw. eigenverantwortlich, ohne Galerie, bei Messen zu präsentieren. Einige, so zum Beispiel die mitteldeutsche KUNST/MITTE in Magdeburg, sind sogar überaus gut kuratiert und nicht unbezahlbar. So sicher wie das Glockengeläut von Kirchen ist, dass auch die großen Galerien ihre Strohmänner schicken. Sie sind immer auf der Suche nach neuen künstlerischen Entdeckungen.
Denn nachdem nun mehrfach die Kunst für tot erklärt wurde—aber mehr denn je sichtbar wird, wie viele Kunstschaffende in den verschiedenen Bereichen arbeiten—ist es noch wichtiger, die ernstzunehmenden Positionen herauszufiltern.

Ich habe das Gefühl, dass es mittlerweile auch gut möglich ist, allein von der Kunst zu leben, wenn man nicht-isolierend arbeitet und die umgebenden Parameter, wie z.B. Wirtschaftlichkeit, missachtet. Dies ist mitunter denen geschuldet, die darauf bedacht sind, MIT den Künstlern und nicht nur VON den Künstlern zu leben. Der Pluralismus der zeitgenössischen Kunst, deren Werte, deren Positionen, deren Motive und deren Künstler sind keine Wesen mehr, die ungeachtet der umgebenden Parameter funktionieren können. Es gibt ungewollte und gewünschte Wechselwirkungen mit Wirtschaftlichkeit, Erfahrungsaustausch, und gebildetem -und ungebildetem- Publikum in einer Zeit, die vor allem durch Unmittelbarkeit gezeichnet ist. Nie war es in unserer Geschichte so, dass durch die globale Kommunikation alle zeitgleich Informationen erhalten. Zurzeit findet sich die Kunst meines Erachtens wieder in einer „Suche-Phase“ angelangt, in der sie sich zwischen politischer Positionierung und künstlerischer Ästhetik versucht, wiederzufinden. — Benjamin Burkard, Pfalz

Für mich, die gemeinsam mit Sammlern immerfort den Sehnsuchtsort Kunst durchdringt, steht fest: Wir alle haben so viele Möglichkeiten wie nie zuvor! Es passiert sehr viel und das ist als Bestätigung unseres Wirkens zu lesen. Dass hier mehr Leidenschaft und Spaß als in anderen Branchen sicht- und spürbar wird, wissen alle, die sich mit zeitgenössischer Kunst beschäftigen.

Im zweiten Teil Guter Cop, böser Cop – Zeitensprung für junge Künstler widmen wir uns in Kürze dem deutschen Kunstmarkt.

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